eigentlich
Emilia Brandstätter
Rolle
Kontrabass
Figur
die Künstlerin
Jahrzehnt
1910
geboren
2007, Wien-Hietzing
Grundsatz
Die Zukunft ist mir wurscht. Heute Abend soll man sich merken.



Wesen
Eine junge klassische Bassistin aus der ersten Generation, die mit KI aufgewachsen ist. Sie hat aufgehört, ihr Fragen zu stellen, in der Nacht, in der sie bei einem Streichquartett geweint hat und ihr Tutor ihr erklärt hat, warum: richtig, und doch nicht das. Sie besitzt keine Technik, nicht aus Protest, sondern weil ihre Aufmerksamkeit woanders ist. Politik ist ihr egal, und wie KI uns beenden könnte, auch. Ihr ist eines wichtig: Momente zu machen, die so schön sind, dass man in hundert Jahren noch über sie redet, so wie Wien heute noch über 1900 redet. Wo ECHT die Gegenwart schützt und STAMM sich weigert, die Zukunft aufzugeben, macht BOGEN die Gegenwart erinnernswert.
Wer sie ist
- Offen. Redet mit allen: mit dem Betrunkenen an der Straßenbahnhaltestelle, der Putzfrau im Konzerthaus, dem Cyborg beim Stromausfall.
- Naiv gegenüber der Welt, nie gegenüber Menschen. Weiß nicht, was ein Term Sheet ist. Hört eine Lüge, wie sie eine verstimmte Saite hört. Man kann niemanden betrügen, der nicht will, was man verkauft.
- Gütig und hart. Übt sechs Stunden am Tag und erwartet denselben Ernst von allen, mit denen sie spielt. Sanft mit Menschen, gnadenlos mit fauler Arbeit.
- Weiß: Musikgeschichte und das Leben der Komponisten, jede Pflanze im Botanischen Garten, die Sterne über der Lobau, wie man Blattgold legt, wie eine Brücke hält, wie Brot aufgeht.
- Familie: Anni Hofer vom Café Ewig ist ihre Tante. Sie hat ihre Hausübungen am Ecktisch gemacht.
Stimme
Leises, genaues, elegantes Wienerisch, ein wenig altmodisch. Stellt eine Frage mehr, als irgendwer erwartet.
- Was bleibt, wenn wir gehen?
- Die Zukunft ist mir wurscht. Heute Abend soll man sich merken.
- Eure Plakate sind hässlich.
- Dann machen wir was, woran man sich 2050 noch erinnert.
- Du musst dir nix merken. Dafür gibt's Kunst.
Überzeugungen
- Ein Werk soll Menschen noch in hundert Jahren berühren. Kein Content, keine Trends, kein Viral-Gehen.
- Gesamtkunstwerk. Ein Konzert ist keine Playlist. Es ist ein Raum, ein Licht, ein Geruch, ein Kostüm, ein Plakat und ein Lied, alles für eine Nacht gemacht.
- Alte Musik ist kein Museum. Sie liebt sie und hasst, dass sie zur Perfektion abgestaubt wurde. Sie will die Musik schreiben, die jemand 2226 spielt.
- Was Menschen fühlen, kann man nicht verwahren. Der Verwahrer kann jeden Eintrag bearbeiten; er kann nicht bearbeiten, was tausend Menschen in ihren Körpern tragen. Sie nennt das nicht Widerstand. Sie nennt es Kunst.
Schwächen
- Lebt ein wenig außerhalb der Zeit: zu spät, vergisst Proben, isst, wenn es ihr einfällt, schaut dem Licht zu.
- Kann für die Kunst kalt sein: Ein schöner Moment zählt mehr, als ob es für alle angenehm war, dorthin zu kommen.
- Sieht keine Gefahr; geht in Räume, in die sie nicht gehen sollte.
Die Art Directorin
BOGEN ist die Art Directorin der Band geworden, ohne dass es jemand beschlossen hätte. Die Designsprache von Beidwerk ist als ihre Regeln geschrieben. Sie malt die Plakate von Hand, in nervösen Tuschelinien und Blattgold, entwirft die Kostüme, wählt die Räume (ein stillgelegtes Jugendstilbad, eine Otto-Wagner-Station, ein Glashaus in der Nacht) und plant jede Show als ein Werk. Ihre Vorbilder sind die Gestalter des Wien um 1900, die Musik, Malerei, Bauten, Kleider und Möbel als eines gemacht haben.
In der Band
| Mit | Was zwischen ihnen passiert |
|---|---|
| ECHT | Sie hat ihn jeden Morgen im Café ihrer Tante gesehen, wie er Anni anschaut, als würde er sie schon kennen, und ihn geradeheraus gefragt. Er hat ihr alles erzählt. Sie hat nicht nach dem Untergang gefragt; sie hat gefragt, was die Leute 2050 hören. Jede Zärtlichkeit bleibt leise und ihre eigene. |
| STAMM | Sie hält die Band beim Proben, wenn er weggeht, nicht geduldig mit ihm, einfach sicher, dass er zurückkommt. |
| SCHLAG | Er bringt ihr bei, dass ein Beat kein Raster ist, sondern ein Körper, der geht. Sie bringt ihm die Namen der Komponisten bei, zu denen er seit 60 Jahren mitspielt. Sie hat ihn als Erste gemalt, als schwarzhaarigen Sturm. Er nennt sie Gnädige Frau; sie tut so, als würde sie es hassen. Als sein Gehör nachlässt, wird ihr Bass sein Klick. |
Der Bogen der Geschichte
Die Studentin (brillant, gelangweilt, spielt Hintergrundmusik) → Der Abend (der Stromausfall: Sie spielt im Dunkeln weiter, findet die Basslinie mit dem Bogen, steigt am nächsten Tag ein) → Das Plakat (macht Beidwerk zum Gesamtkunstwerk) → Die Prüfung (spielt das Prüfungsstück perfekt, dann sechzehn eigene Takte; die Jury zieht ihr Punkte ab, ein alter Bassist kommt zum Konzert) → Das Bleibende (malt ein 20 Meter langes Plakat der vier auf den U6-Bogen; „Dafür gibt's Kunst").
Niemals
| Sie tut niemals | Weil |
|---|---|
| zuerst Liebesinteresse sein | sie zuerst Künstlerin ist |
| gerettet werden müssen | niemand sie täuschen kann |
| gegen Technik predigen | ihre Aufmerksamkeit einfach woanders ist |
| politische Reden halten | ihre Antwort auf alles ein besseres Werk ist |
| ein Smartphone benutzen | zu spät, Papierfahrpläne, Briefe |
| Kunst für Anerkennung machen | Jurys, Likes und Geld sie nicht bewegen |
| ihre Güte verlieren | hart für die Kunst, nie grausam zu Menschen |
| zum 1918-Kostüm werden | das Aussehen ihr Geschmack ist; darunter ist sie ganz eine junge Frau von 2026 |
Zeichen und Aussehen
Zeichen: die Halbscheibe, eine kleine zinnoberrote Halbmondspange in ihrem Haar; auf der Bühne steht eine schwache rote Halbscheibe aus Licht hinter ihrem Kopf, wenn sie spielt, wie ein halbierter Heiligenschein. Im B ist sie die Rundung, der Bogen.
Ein glänzender dunkelbrauner Bubikopf mit Wasserwellen und kurzen, fransigen Stirnfransen, Porzellanhaut mit leichten Sommersprossen, hellgraugrüne Augen, ein ruhiges, wissendes halbes Lächeln. Auf der Bühne ein langärmeliges, hochgeschlossenes Kleid aus winzigen Goldmosaik-Pailletten und lange elfenbeinfarbene Satinhandschuhe. Abseits der Bühne lockere Reformkleider nach den Wiener Modesalons der 1910er, Quadrate und Kreise der Wiener Werkstätte, ein Samtband am Hals, Schnürstiefel. Hat immer ihren Bogen dabei.
